Doch dann klickte ich Ende März mal wieder im Internet herum, und da waren sie plötzlich, in einem Shop namens Fjorden Mode Berlin: genau die grauen Stiefeletten, von denen ich immer geträumt hatte. Für gerade mal 59 Euro, im Final Sale.
Von Fjorden Mode hatte ich noch nie gehört, trotzdem überlegte ich nicht lange und bestellte. Gleich danach kam eine nette Mail; die Absenderin, sie hatte nur einen Vornamen, teilte mir mit, dass es ein paar Tage dauern werde, bis meine Bestellung bei mir sei. Als die Stiefeletten zehn Tage später immer noch nicht da waren, klickte ich auf den Trackinglink in der Bestellbestätigung. Und stellte fest: Die Sachen kommen per JunExpress - das klingt chinesisch und ist es auch.
Denn: Fjorden Mode Berlin, dieser Shop, der die deutsche Hauptstadt im Namen trägt und auf dessen Website in dicken Lettern "Ihr Mode-Hotspot in Deutschland" steht, dieser Shop sitzt in Hongkong. Das steht sogar auf deren Website, natürlich ganz klein und ganz unten, aber ich hätte es lesen können, wenn ich nicht blind gewesen wäre vor lauter Stiefeletten-Vorfreude.
Die war nun deutlich getrübt. Und als das Paket endlich da war, war alles genau wie befürchtet. Die Stiefeletten stanken unerträglich nach Chemie, etwas groß waren sie mir außerdem. Das T-Shirt, das ich mitbestellt hatte, war aus Synthetikstoff und hatte eine entschieden seltsame Passform. Ich hatte mir billigen, stinkenden Chinaschrott bestellt. Die Rücksendung nach Hongkong hätte ich selbst bezahlen müssen. Pakete bis fünf Kilo kosten bei DHL 45,99 Euro Versandgebühr.
Wenn ich nicht so blind gewesen wäre vor lauter Stiefeletten-Vorfreude, hätte ich die Wahrheit über Fjorden Mode vor der Bestellung schnell herausfinden können.
Bei Trustpilot hat der Shop zum Zeitpunkt meiner Bestellung die sagenhafte Bewertung von 2,0. Außerdem sind online mehrere Artikel, unter anderem dieser von der Tagesschau, über Fjorden Mode und andere betrügerische Shops zu finden.
Ich kam mir ziemlich dämlich vor, war aber noch nicht ganz bereit aufzugeben. Ich stellte die Stiefeletten ein paar Tage auf dem Balkon, in der Hoffnung, dass der Geruch verfliegt. Dann trug ich sie ins Büro. Sie waren nicht besonders bequem, viel schlimmer aber war der Gestank. Ich bekam Kopfschmerzen davon; in meinem Büro hielt ich es nur aus, wenn ich das Fenster öffnete.
Eine Kollegin bewunderte die Stiefeletten zuerst. Als ich ihr die ganze Tragödie erzählte, sagte sie: Stimmt, jetzt rieche ich es auch. Sie verwies auf Chrom VI, einen Stoff, der zum Gerben von Leder verwendet wird und der ein starkes Kontaktallergen ist. Prompt fingen meine Beine an zu jucken. Psychosomatisch? Vielleicht.
An diesem Tag ging ich früher nach Hause. Ich schleuderte die Stinkedinger von den Füßen und rubbelte meine Beine ab. Ich habe kurz darüber nachgedacht, die Stiefeletten über Vinted zu verhökern. Aber das käme mir unredlich vor. Die 59 Euro sind Lehrgeld, und die Stiefel der Schande gehen dahin, wo Chinaschrott hingehört: in die Mülltonne.
Fjorden Mode kann man über die Google-Suche übrigens noch auffinden. Wer auf das Suchergebnis klickt, landet aber auf Leon Boutique Berlin. Die Firma, die dahinter steckt, ist dieselbe. Und sitzt, na klar: in Hongkong.

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